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Vom „Bruderland“ zur pOSTmigrantischen Gesellschaft?!

30 Jahre deutsche Einheit! Neben Feierlichkeiten stehen dieses Jahr auch vielerorts Rückblicke auf die Wendezeit an. Perspektiven von Migrant*innen, Schwarzen Deutschen und People of Color sind in der öffentlichen Debatte jedoch nach wie vor selten präsent. Dabei ist es wichtig ihre Erfahrungen und Sichtweisen einzubeziehen, nicht zuletzt um die häufig einseitig verklärten nationalen Erzählungen über die deutsch-deutsche Geschichte zu erweitern. Durch ihre Perspektiven und Analysen können zudem dominante Vorstellungen kritisch hinterfragt und deren Bedeutung für die Gegenwart beleuchtet werden. Mit dieser Fachtagung wollen wir in dieser Hinsicht einen Beitrag leisten.
Ausgehend von dem Spannungsverhältnis zwischen sozialistischem Antirassismus als Staatsdoktrin unter dem SED-Regime und dem rassistischen Alltag in der DDR wollen wir einen kritischen Blick auf die Wendezeit werfen. In diese Zeit fallen nicht nur nationalistische Wallungen der sich vereinenden Staaten, sondern auch die Entrechtung, Prekarisierung und Ausweisung vieler Migrant*innen aus der ehemaligen DDR. Wie haben Angehörige von Minderheiten das Ende der DDR erlebt? Welche Erfahrungen des gesellschaftlichen Wandels haben sie zu jener Zeit gemacht? Welche Strategien haben sie unter den Bedingungen von Ungleichheit und Ausschlüssen entwickelt und verfolgt? Welche Perspektiven auf die Nachwendejahre bedürfen mehr Beachtung? Und welche Aspekte jener Zeit spielen für migrantisierte Menschen, Akteur*innen und Organisationen heute noch eine Rolle?
Neben den fachlichen Inputs wollen wir in den Workshops den vielen miteinander verbundenen Geschichten Raum geben, um wenig beachtete Erinnerungen zu stärken, Empowermentstrategien zu beleuchten und migrantische Selbstorganisation in Ostdeutschland voranzutreiben.

 

PROGRAMM - TAG 1
DIENSTAG, 17. NOVEMBER 2020

16:30 – 16:40 Uhr Eröffnung der Online-Fachtagung

16:40 – 17:00 Uhr Sozialistischer Antirassismus - rassistischer Alltag in der DDR
Dr. Patrice Poutrus - Universität Erfurt
Trotz des antifaschistischen Gründungsmythos und des ideologischen Etiketts der „proletarischen Völkerfreundschaft“ waren Arbeitsmigrant*innen in der DDR mit einer restriktiven, bevormundenden und diskriminierenden Politik konfrontiert. Die „internationale Solidarität“ stellte die Vorrangstellung der Nation nicht infrage und Migrant*innen waren in der national definierten deutschen Gemeinschaft lediglich geduldete Gäste. Welche Auswirkungen hatte die Gleichzeitigkeit der sozialistischen Staatslehre mit der z.T. massiv ausgrenzenden Staatspolitik? Wie wurde mit der Existenz von rassistischen Einstellungen in der DDR-Gesellschaft umgegangen?

17:00 - 17:20 Uhr Die exklusive „Einheit“ und das neue konstruierte „Wir“ - Intersektionale Perspektiven auf die Vereinigung
Anetta Kahane - Amadeu Antonio Stiftung
Bei der sogenannten „Friedlichen Revolution“ wird oftmals ausgeblendet, dass für bestimmte Bevölkerungsgruppen diese Zeit keineswegs „friedlich“ verlief. Mit großer Selbstverständlichkeit wurden Interessen und Zugänge hierarchisch gewichtet, so dass die Lebenslagen von Migrant*innen prekarisiert wurden. Für Schwarze und People of Color wurde zudem der öffentliche Raum relativ schnell bedrohlich. Spätestens in den ersten Nachwendejahren wurde bei dem Anblick brennender Unterkünfte und Beifall klatschender Menschen davor deutlich, dass Rassismus ein gravierendes gesellschaftlich verankertes Problem darstellt. Welche Leerstellen existieren in den dominanten Erzählungen über die Vereinigung? Welche minorisierten und marginalisierten Perspektiven sollten mitgedacht werden?

17:20 – 17:45 Uhr Pause

17:45 – 18:30 Uhr Podiumsdiskussion mit Publikumsfragen
Dr. Patrice Poutrus, Anetta Kahane,
Özcan Karadeniz (Verband binationaler Familien und Partnerschaften)

18:30 Uhr Ende Tag 1

 

PROGRAMM - TAG 2
DONNERSTAG, 19. NOVEMBER 2020

16:30 – 16:40 Uhr Eröffnung


16:40 – 17:00 Uhr (pOST-)Migrantische Perspektiven auf die gesamtdeutsche Nachwendezeit
Dr. Noa K. Ha - Deutsches Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung
Ostdeutsche Migrationsgeschichten unterscheiden sich von westdeutschen, finden jedoch im vereinten Deutschland nach wie vor zu wenig Beachtung. Dabei ist auch die ostdeutsche Gesellschaft durch Migration geprägt. Was zeichnet die ostdeutsche Migrationsrealität aus? Wie steht es um soziale, emotionale und strukturelle Aushandlungsprozesse über Rechte, Zugehörigkeit und Teilhabe von Migrant*innen in Ostdeutschland?

17:00 – 17:15 Uhr Pause

17:15 - 19:00 Uhr Parallele Workshops

Workshop 1: Lückenhafte Erinnerungskultur - Ost-migrantische Geschichten stärken
Lucia Muriel - glokal e.V.
Die Stimmen der ostdeutschen Migrant*innen, Schwarzen und People of Color sind Teil der deutschen Geschichte und der heutigen Gesellschaft und entsprechend wichtig. Dazu gehören auch die Erinnerungen jener, die Deutschland verlassen haben, aber ihre Spuren hinterließen und so immer noch mit Deutschland verbunden sind. Um gesamtdeutsche Migrationsgeschichte(n) besser ergründen zu können ist es nicht nur wichtig diesen Geschichten Raum zu geben, sondern auch die Akte des Unhörbar-Machens zu analysieren. Welche Erzählungen finden kaum Beachtung? Welche Machtasymmetrien werden dadurch in innerdeutschen Mehrheits- und Minderheitendiskursen sichtbar? Welche Ausschlüsse (re-)produzieren sie?

Workshop 2: Erzählungen zur „Friedlichen Revolution“ – Wege zu einer neuen Art der Geschichtsschreibung
Katharina Warda - Humboldt-Universität zu Berlin
Die Rede von der Friedlichen Revolution schafft die Erzählung einer nationalen Einheits- und Freiheitsbewegung und verdrängt zugleich strukturelle und manifeste Gewalterfahrungen vieler Menschen. In der offiziellen Erinnerungskultur haben die ostdeutschen Erfahrungen von Deklassierung und sozialem Abstieg der Transformationszeit lange Zeit ebenso wenig Beachtung erfahren wie die Überlagerungen von Ausbeutungs- und Unterdrückungsverhältnissen. Dass die Vereinigung der beiden deutschen Staaten nicht friedlich verlief, gehört nicht zuletzt zum kollektiven Gedächtnis ostdeutscher BPoC. Welche Erfahrungen von ausschließendem Nationalismus, bedrohlichem Rassismus und sozialen, ökonomischen und kulturellen Abstieg sind Teil minorisierter Erinnerungen? Welche gemeinsamen und parallelen Geschichten gibt es? Und wie finden sie Eingang in ein kollektives Gedächtnis?

Workshop 3: Empowerment von ostdeutschen Women of Color
Ely Almeida Rist - Landesarbeitsgemeinschaft politisch-kulturelle Bildung Sachsen e.V. (pokuBi)
Antifeministische Ressentiments werden derzeit nicht unwesentlich entlang von Rassismus geschürt. Women of Color sind daher in besonderer Weise von sozialen Exklusionsprozessen und rassistischer Diskriminierung betroffen. Wie kann feministisches und diskriminierungskritisches Handeln auf diese Entwicklungen reagieren? Wie können autonomere Blicke von Women of Color auf sich und auf die eigenen Lebensverhältnisse im Kontext von Rassismus und Sexismus gestärkt werden? Welche zielgruppenspezifischen, auf die individuelle und gemeinschaftliche Selbstbemächtigung abzielende Angebote gibt es bereits? Was braucht es zur weiteren Vernetzung und Stärkung der gesellschaftspolitischen Teilhabe?

Workshop 4: Vernetzung und Stärkung – Selbstorganisation von Migrant*innen in Ostdeutschland
Ayman Qasarwa - Dachverband der Migrantenorganisationen in Ostdeutschland (DaMOst)
Mohammad Okasha - Dachverband sächsischer Migrantenorganisationen e.V. (DSM)
Die ostdeutschen Bundesländer unterscheiden sich in der Bevölkerungszusammensetzung und den Migrationsgeschichten von den westdeutschen. Für die Sichtbarmachung ostdeutscher Migrationsrealitäten und die Vertretung spezifisch ostdeutsch-migrantischer Interessen braucht es eigene Strukturen und Ressourcen. Der Dachverband der Migrant*innenorganisationen in Ostdeutschland (DaMost) hat sich 2018 gegründet, um eine Interessenvertretung professionell zu organisieren. Welche spezifischen Ziele verfolgt DaMost? Welche besonderen Herausforderungen und Probleme, aber auch Potenziale der Migrant*innen in Ostdeutschland existieren? Inwieweit gelingt die Mitgestaltung der deutschen Einwanderungsgesellschaft?

 

19:00 Uhr Ende der Fachtagung

 

ANMELDUNG + KONTAKT
Beate Wesenberg
wesenberg@verband-binationaler.de


Die Teilnehmendenzahl ist begrenzt, wir bitten um Anmeldung bis zum 10. November 2020.

 

Die Online-Fachtagung ist eine Veranstaltung im Rahmen des Projektes „SAQsen! Stark - Aktiv - Qualifiziert in Sachsen. Begleitung, Vernetzung und Coaching von Integrationsprojekten“ des Verbandes binationaler Familien und Partnerschaften Leipzig. 

 

 

 

Ort: Online Fachtagung

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