Ist Antisemitismus eine Form von Rassismus?
Eine neue Übung lädt dazu ein, diese Frage aus unterschiedlichen theoretischen Perspektiven zu erkunden. Im Mittelpunkt stehen nicht schnelle Urteile, sondern das gemeinsame Denken, Abwägen und Verstehen von Differenzen und Verflechtungen.
Aus der Übung
In den vergangenen Jahren hat das Interesse an der Auseinandersetzung mit Rassismus und Antisemitismus spürbar zugenommen. Öffentliche Debatten, aktuelle gesellschaftliche Konflikte und internationale Ereignisse machen deutlich, dass beide Phänomene nicht nur historisch bedeutsam sind, sondern auch gegenwärtig tiefgreifende Wirkung entfalten.
Die Auseinandersetzung mit beiden Phänomenbereichen findet in Wissenschaft, Politik, Bildung, Aktivismus, Popkultur und Kunst statt. In vielen kleinen und großen Runden entstehen angesichts des verstärkten Interesses wertvolle Bildungs- und Lernmomente. Diese gilt es verantwortungsvoll zu gestalten.
Gleichzeitig lassen sich die Auseinandersetzungen der letzten Monate sehr viel kritischer beschreiben. Immer wieder war zu beobachten, dass Rassismus und Antisemitismus gegeneinander ausgespielt werden. Einerseits wird beispielsweise antisemitismuskritisches Engagement rassistisch vereinnahmt, wenn Antisemitismus externalisiert und zum alleinigen Problem der „Anderen“ erklärt wird. Andererseits werden antirassistische Argumentationen nicht selten zum Ausgangspunkt der antisemitischen Dämonisierung von Jüdinnen_Juden genommen. Hier braucht es unserer Einschätzung nach eine verstärkte Sensibilität, eine „Rassismus-sensible Antisemitismuskritik“ ebenso wie eine „Antisemitismus-sensible Rassismuskritik“ (Arnold, S.; Axster, F. 2024: 85).
Die vorliegende Übung lädt dazu ein, Rassismus und Antisemitismus nicht isoliert, sondern gemeinsam zu betrachten. Eine gemeinsame, theoretisch fundierte Auseinandersetzung ermöglicht es, sowohl die Unterschiede als auch die Verflechtungen zu erkennen. Sie hilft zu verstehen, wie sich historische Bedeutungen verschoben haben, welche Funktionen beide Phänomene in verschiedenen Zeiten erfüllt haben und warum sie bis heute wirkmächtig sind. Theorie schafft damit einen Raum, der über moralische Bewertungen und tagespolitische Empörung hinausgeht. Sie gibt Werkzeuge an die Hand, um komplexe gesellschaftliche Dynamiken strukturell und nicht nur situativ zu begreifen.
In der Übung beschäftigen sich die Teilnehmenden anhand von theoretischem Material mit der Frage, ob Antisemitismus eine Form von Rassismus ist oder ob beide Phänomene voneinander zu unterscheiden sind. Ziel ist nicht, eine abschließende Entscheidung zu treffen. Im Mittelpunkt steht ein respektvolles Erkunden beider Perspektiven, das vertieftes theoretisches Wissen und eine achtsame Haltung gegenüber beiden Phänomenbereichen fördert.







